Lexikon: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom

 

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Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) nach DSM-IV, laut auch Hyperkinetisches Syndrom (HKS) genannt, früher bekannt als Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD), in der wiederum als Psychoorganisches Syndrom (POS) ist neben aggressiven Verhaltensweisen das am häufigsten diagnostizierte Störungsbild des Kindes- und Jugendalters. Kernsymptome sind dabei Aufmerksamkeitsstörungen, Impulsivität und Hyperaktivität.

Die häufigen, jedoch ungenauen und widersprüchlichen Presseberichte zum Thema mystifizieren ADHS eher als darüber aufzuklären. Auch im wissenschaftlichen und politischen Sektor wird ADHS kontrovers diskutiert.

ADHS betrifft nach den Kriterien des DSM-IV ca. 4-8 % aller Schulkinder in Deutschland. Nimmt man die Bemessungsgrundlagen des ICD-10 für das Hyperkinetische Syndrom, so erhält man Schätzraten von 1-3 %. Rein rechnerisch bedeutet das, dass in jedem Klassenzimmer durchschnittlich etwa ein betroffenes Kind sitzt. Fest steht, dass Jungen gegenüber Mädchen deutlich häufiger von en betroffen sind, die meisten Studien geben das Verhältnis zwischen 3:1 und 9:1 an. Da bei Mädchen jedoch häufiger der unaufmerksame Typus auftritt und diese sich meist ruhiger und unauffälliger verhalten, kann man davon ausgehen, dass die "Dunkelziffer" der betroffenen Mädchen deutlich höher ist.

Die Prävalenz von ADHS im Erwachsenenalter wird mit zwischen 1,3 und 4,7 % angegeben (Quelle: Deutsches Ärzteblatt Ausgabe 37 vom 10. September 2004).

Überblick

Was ist ADHS?

Heinrich Hoffmann beschrieb als erster in seinem Buch "Struwwelpeter|Der Struwwelpeter" Mitte des 19. Jahrhunderts die Symptome von ADHS in seiner Schilderung vom Zappelphilipp und Hans Guck-in-die-Luft.

Die Kernsymptome von ADHS sind:

  • Aufmerksamkeitsstörungen (Vorzeitiger Abbruch von Tätigkeiten, insbesondere bei kognitiven Leistungen)
  • Impulsivität (Handeln ohne vorheriges Überlegen und Unfähigkeit, abzuwarten)
  • Hyperaktivität (Exzessive motorische Ruhelosigkeit)

Als Voraussetzung für die Diagnose ADHS müssen die Symptome mindestens seit sechs Monaten vorliegen und erstmals schon vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein. Dabei müssen sie deutliche Beeinträchtigungen für das Leben der betroffenen Person mit sich bringen. Ein Ausschluss von möglichen anderen Störungen, welche die hyperkinetischen Symptome besser erklären würden, ist dabei unerlässlich. Es darf zum Beispiel keine tief greifende Entwicklungsstörung, eine Schizophrenie oder eine andere Psychose|psychotische Störung vorliegen.

Der unterscheidet, für das Hyperkinetische Syndrom (HKS), eine "Einfache Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung" und die "Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens" bei zusätzlicher Störung des Sozialverhaltens.

Das Diagnostische Manual DSM-IV lässt eine differenziertere Diagnosestellung bei einer situationsübergreifenden Störung zu und unterteilt in drei ADHS-Erscheinungsbilder:

  • ADHS, kombinierter Typ (häufigste Erscheinungsform mit allen drei Kernsymptomen)
  • ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typ (primär Aufmerksamkeitsstörung, geringe Hyperaktivität und Impulsivität)
  • ADHS, vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ (primär Hyperaktivität und Impulsivität, geringe Aufmerksamkeitsstörung)

Neben den Kernsymptomen können verschiedene zusätzliche Auffälligkeiten auftreten, in klinischen Untersuchungen sind hyperkinetische Störungen ohne komorbide Störungen sogar die Ausnahme. Häufig sind dissoziale Verhaltensstörungen (bei mehr als 50 % aufgrund geringer Frustrationstoleranz durch erhöhte Impulsivität auch im affektiven Bereich), emotionale Störungen (z.B. Depressive Störungen, Angststörungen; diese sind erklärbar durch negative Rückmeldungen aller Art ab Kindergarten), Lernstörungen (in der Schule sind 80 % der Betroffenen mindestens zwei Noten schlechter als Durchschnitt), Tic-/Sprech-/Sprachstörungen und Beziehungsprobleme aller Art.

Vorkommen

Fast alle Experten betonen, dass heutzutage nicht mehr Kinder betroffen sind als früher. ADHS tritt aber aktuell verstärkt und offensichtlicher zu Tage. Als Gründe dafür werden allgegenwärtige Reizüberflutung durch , Handys, Fernsehen und die häufiger vorzufindende Strukturlosigkeit in Familie, Schule und Gesellschaft angeführt. Mit diesen Gegebenheiten sehen sich ADHS-Betroffene im allgemeinen einer größeren Herausforderung gegenüber, ihr Leben zu gestalten.

Problematisch ist die Diagnosestellung, da die Hauptsymptome auch als völlig normale Entwicklungsphasen im Vorschulalter auftreten und die Unterscheidung zwischen Normvariation und Auffälligkeit Eltern und Erziehern daher oft schwer fällt. In einer Studie von Manfred Döpfner konnten einzelne Symptome vor allem bei bis zu 31 % der Jungen festgestellt werden, die notwendige Anzahl der Kriterien für eine ADHS-Diagnose erreichten hier aber nur 6 % aller Kinder.

In den letzten 30 Jahren wurden zumeist Erziehungsfehler, Elternproblematik, Vernachlässigung und frühkindliche Traumata für die Ursachen von ADHS gehalten und die Störungen grundsätzlich als soziales und pädagogisches Problem angesehen. Diese Ansichten werden von neueren Untersuchungen jedoch ausgeschlossen.

Ursachen von ADHS

Nach derzeitigem Stand der ist ein multifaktorieller Erklärungsansatz für ADHS am wahrscheinlichsten: Gegebene, genetisch-biologische Merkmale werden hierbei durch psychosoziale Faktoren beeinflusst. Bei der Genese scheinen die psychosozialen Bedingungen eine allenfalls geringe Rolle zu spielen, aber sie tragen wohl stark zur Ausprägung des Schweregrads der Störung bei.

Trotz verschiedenartigster Sichtweisen lässt sich festhalten, dass primäre Ursachen genetischer Art sind. Diese bewirken eine Störung des stoffwechsels (insbesondere ist zu nennen) und andere cerebrale Störungen. Der oft angeführte Einfluss von Hirnschädigungen und Nahrungsmittelzusätzen wird allgemein bezweifelt.

Es lassen sich daneben verschiedene Störungen der Selbstregulation feststellen, welche durch die klassischen hyperkinetischen Symptome zutage treten. Diese wiederum führen zu einer Zunahme negativer Interaktionen mit , Peer Group|Peers und Lehrern, was durch ungünstige Bedingungen in Familie (Soziologie)|Familie und Schule noch verstärkt werden kann.

Dadurch wird wiederum eine Zunahme der hyperaktiven Symptomatik bewirkt sowie die Entstehung komorbider Symptome (beispielsweise Leistungsdefizite, aggressives Verhalten, emotionale Störungen) begünstigt. Ein regelrechter Teufelskreis entsteht.

"Hypoaktive" ADHS-Kinder

Dieser ADS-Typ fällt, wenn überhaupt, zumeist erst im Jugendalter auf. Häufig sind Mädchen davon betroffen. Im Gegensatz zu dem auffälligen, hyperaktiven Subtypus sind diese Kinder eher ruhig und verträumt.

Meistens können sie sich sehr gut alleine beschäftigen, und sind in ihrer eigenen Welt oft zufrieden. Erst mit konkreten Leistungsanforderungen, bekommen sie ihre Probleme. Manchmal schon im Kindergarten, meistens jedoch erst in der Schullaufbahn.

Diese sogenannten 'Träumer' werden mit der Welt der Leistungsanforderungen, der Gruppenregeln und Verhaltensnormen konfrontiert, die sie verunsichern und irgendwann einmal schließlich überfordern. Typischerweise kommt es zu einem unerklärlichen Versagen in der Schule. Vorhandenes Potential wird nicht ausgeschöpft, und die Betroffenen gelangen in einen Kreislauf der Frustration.

Obwohl normale oder gar überdurchschnittliche Intelligenz vorhanden ist werden diese Kinder häufig als "unterdurchschnittlich begabt" bzw. "eigenbrötlerisch" oder gar "faul" wahrgenommen.

ADHS und Hochbegabung

Ein Hochbegabung|hochbegabtes ADHS-Kind korrekt zu diagnostizieren, stellt sich als diffizile Herausforderung dar, da sich die beiden Phänomene einander durchaus ähnlich sein können und sich gegebenenfalls gegenseitig überlagern.

Eine Verwechslung von ADHS und Hochbegabung lässt sich allerdings durch einen gängigen Intelligenztest ausschließen.

Intelligente und speziell hochbegabte Kinder sind von ADHS oft schwerer betroffen als normal begabte ADHS-Kinder. Dank ihrer Intelligenz können sie sich über einen längeren Zeitraum anpassen und integrieren, jedoch fällt die Diskrepanz bei ihnen umso höher aus, wenn sie damit fehlschlagen. Selbstkrisen und Depressionen können die Folge sein.

Bekannt ist dieses Phänomen unter anderem aus der Schule, wo immer wieder hochbegabte Schüler in fortgeschrittenen Klassenstufen einen erheblichen Leistungseinbruch zeigen ohne dass sonstige äußere Gründe dies erklären könnten.

Medizinische Sicht

Während bei einer funktionellen Kernspintomographie an ADHS-Patienten eine verringerte Aktivierung im rechtsseitigen präfrontalen System sowie eine erhöhte frontale und verringerte striatale Aktivierung bei "go/no-Aufgaben" festgestellt wurden, liefern normale nicht-studiengebundene Methoden wie Computertomographie (CT) und Kernspintomographie (MRT) keinen Anhaltspunkt für das Vorliegen von ADHS bei einem Betroffenen.

Bei der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) wurde ein um 8,1 % verminderter Glucoseumsatz im linken Frontallappen und bei der Single Photon Emission Computed Tomography|Single Photon Emissionscomputertomografie (SPECT) eine geringe Durchblutung des Frontallappens und des Striatums sowie eine erhöhte Dopamintransporter-Konzentration im Striatum festgestellt (Dougherty et al. in: Lancet 354 (1999) 2132-2133; Dresel et al. in: Eur.J.Nucl.Med. 25 (1998) 31-39).

Aus den Ergebnissen von Zwillingsforschung|Zwillingsstudien kann geschlossen werden, dass die Disposition "ADS/ADHS" erblich ist und im familiären Verband selten einmalig auftritt. Im International Consensus Statement on ADHD (International Consensus Statement on ADHD: January 2002 Clinical Child and Family Psychology Review 5(2): 89-111; Jun 2002) schreiben die Autoren, dass bei keiner psychiatrischen Erkrankung der genetische Anteil mit 70–95 % so hoch wie bei den charakteristischen ADHS-Symptomen sei. Dies entspräche etwa dem Wert, wie er für die Körpergrösse des Menschen beschrieben werde. Es sei ein erstes Gen nachgewiesen worden, das mit grosser Wahrscheinlichkeit für diese Störung zum Teil verantwortlich sei.

Dem widersprechen Fachleute anderer Disziplinen mit Hinweis auf die vergleichbaren psychosozialen Umstände innerhalb der untersuchten Familien.

Die Diagnose wird in der Praxis häufig mit Hilfe eines "Diagnoseschlüssels" gestellt, der einzelne Symptome zur Überprüfung angibt und eine Kombination dieser als Notwendig zur Diagnose erklärt. Siehe "Weblinks".

Tiefenpsychologische Sicht

Aus Sicht der Entwicklungspsychologie wird es für unwahrscheinlich gehalten, dass die entsprechenden e auf einem "angeborenen Stoffwechseldefekt" basieren. Vielmehr müssten frühkindliche lebensgeschichtliche Faktoren als ursächlich angesehen werden. ADS/ADHS steht mit einem veränderten Stoffwechsel im Gehirn in Verbindung. Dieser veränderte Stoffwechsel muss jedoch keine ursächliche Erklärung für das Verhalten der Kinder darstellen. Ebensogut kann man annehmen, dass sich das plastische menschliche Gehirn bei ADS-Kindern so entwickelt hat, weil sie bestimmte Erfahrungen machten. Diese ebenfalls in der Psychologie vertretene These sieht den Grund des Verhaltens eher in den Erfahrungen des Kindes als in der .

Aus Tiefenpsychologie|tiefenpsychologischer Sicht sind die Eltern und Erzieher also integraler Bestandteil des Phänomens und die Störungen im Verhalten der Kinder nur wiederum Manifestationen der Verhaltensprobleme ihrer Bezugspersonen. Folgt man dieser Sichtweise, ist die Bezeichnung für dieses Syndrom nicht weniger treffend, da die Kinder und Jugendlichen an den Aufmerksamkeitsdefiziten zum Beispiel ihrer Eltern ihnen gegenüber leiden und dies durch entsprechende aufmerksamkeitschaffende Aktivitäten (Hyperaktivität) zu kompensieren versuchen.

Behandlung von ADHS

Voraussetzung für jede Behandlung von ADHS ist eine fundierte Diagnose durch einen mit der Materie vertrauten Arzt, Psychiater oder Psychologen, die auch Differentialdiagnosen und eventuelle begleitende Krankheiten (z.B. , Angstkrankheit) berücksichtigt.

Ziel der Behandlung ist es, das individuell unterschiedlich vorhandene Potential auszuschöpfen, die sozialen Fähigkeiten auszubauen und eventuelle Begleitstörungen zu behandeln. Im Allgemeinen sollte die Behandlung multimodal erfolgen, das heißt, es sollten parallel mehrere Behandlungsschritte durchgeführt werden (Psychotherapie + Psychosoziale Interventionen + Pharmakotherapie).

Trotz einer Vielzahl von Studien, Experten und Interventionsmodellen hat ADHS ein hohes Chronifizierungsrisiko und ist durch kurzzeitige pharmako- oder psychotherapeutische Maßnahmen nicht dauerhaft zu beeinflussen.

Information

Eingehende Information aller beteiligten Personen über ADHS ist wesentlicher Bestandteil jeglicher Therapie. Betroffene sollten Bescheid wissen über die Art der Störung (ADHS ist keine Geisteskrankheit, kein Schwachsinn und keine Faulheit), die Symptome, die konkret möglichen Alltagsschwierigkeiten und etwaige Behandlungsmöglichkeiten.

Neben dem ärztlich-psychologischen Gespräch gibt es einschlägige Literatur, sowohl für Eltern als auch für betroffene Erwachsene und Kinder, wobei diese Bücher im Aufbau oft auf die Art der Störung Rücksicht nehmen (wenig Fließtext, viele Zeichnungen, usw.).

Medikamentöse Therapie

Zur medikamentösen Behandlung der AHDS werden in erster Linie Stimulans|Stimulanzien eingesetzt, die den Dopaminstoffwechsel im Gehirn beeinflussen. Dazu gehören insbesondere Methylphenidat (siehe auch Ritalin, Medikinet) und Amphetaminderivate (D-L-Amphetamin), in der Schweiz auch Dexamin. Beide Medikamente werden seit Jahrzehnten eingesetzt und mindestens 70 % der Betroffenen sprechen darauf an, wobei Methylphenidat heute in der Schulmedizin als Mittel der Wahl gilt.

Zusätzlich können Antidepressiva (sog. Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie Strattera mit dem Wirkstoff Atomoxetin) zur Behandlung eingesetzt werden.

Darüber hinaus kommen trizyklische Antidepressivum|Antidepressiva und selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer in Frage, die jedoch nur bei einem wesentlich kleineren Prozentsatz der Betroffenen wirken und aufgrund des ungünstigen Nebenwirkungsprofils nur in Ausnahmen Verwendung finden.

Die Wirkung der Stimulanzien zeigt sich bei vielen ADHS Patienten bereits nach einer halben Stunde. Sie werden gewöhnlich ausgeglichener und aufmerksamer, allerdings hält die Wirkung bei den Kurzzeit-Präparaten nur wenige Stunden an. Da die optimal wirksame Dosis sehr unterschiedlich sein kann, ist es wichtig, die Dosierung individuell einzustellen. Neuerdings sind auch Präparate erhältlich, die nur einen Teil des Wirkstoffes sofort abgeben und den Rest über Stunden verteilt. Damit lassen sich morgendliche Einmalgaben erreichen.

Methylphenidat wird seit 1959 eingesetzt und ist im Rahmen der Kurzzeitwirkung umfangreich untersucht worden. Langzeitanwendungen werden kontrovers diskutiert, manche Experten warnen vor einer möglichen Beeinträchtigung der Gehirnentwicklung durch Methylphenidat. Aufgrund dessen sollte der Wirkstoff nur nach sorgfältiger ärztlicher Indikationsstellung im Rahmen eines Gesamtbehandlungskonzeptes verordnet werden.

Die Einstellung auf das Medikament erfolgt nach der so genannten Titrationsmethode, in dem der Arzt zunächst die notwendige Einzeldosierung (in der Regel zwischen 5 und 20 mg) und die individuelle Wirkungsdauer (ca. 3-5 h) bestimmt. Anhand von Beobachtungsbögen wird die Wirkung von Eltern, ggf. Lehrern oder Therapeuten beurteilt und danach die Dosierung angepasst. Die notwendige Dosis variiert individuell stark. Während man früher davon ausging, dass die Regeldosis nicht über 1 mg pro Kilogramm Körpergewicht liegen sollte, ist heute eine derartige Empfehlung nicht mehr gängig.

Aufgrund der kurzen Wirkzeit kann an deren Ende ein Rebound-Phänomen auftreten. Hierbei nehmen die Patienten wieder Symptome der Unruhe bzw. Hyperaktivität wahr. Eine zu hohe Dosis von Methylphenidat führt ebenfalls zu Unruhegefühl oder innerer Anspannung, selten auch zu einer deutlichen Reduktion der Aktivität mit Mattigkeit und einem Unlustgefühl. Diese Erscheinungen halten für die Wirkdauer an und können im nachhinein durch angemessene Dosisfindung korrigiert werden.

Nebenwirkungen der Behandlung mit Stimulanzien sind normalerweise auf die Einstellungsphase begrenzt und kurzzeitig. Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören Appetitminderung oder auch Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und seltener Ticstörungen. Während bei einigen Kindern zunächst Schlafprobleme auftreten können, benötigen andere Kinder sogar eine kleine Dosis Methylphenidat um ihre gedankliche Unruhe und Reizfilterschwäche behandelt zu bekommen und zum Schlaf zu finden.

ADHS-Patienten weisen ein erhöhtes Suchtrisiko auf, weshalb die Gabe von Stimulanzien lange als Risiko für eine spätere Suchtentwicklung galt. In Studien wurde gezeigt, dass die Gabe von Methylphenidat nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung beiträgt. Vielmehr scheint sich das Risiko für frühzeitige Nikotin-, Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit zu vermindern. Nur bei bewusst missbräuchlicher Verwendung oder extrem hohen Dosierungen besteht ein Toleranzeffekt mit der Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung.

Derzeit gibt es neben dem Markenprodukt Ritalin verschiedene Generika (z.B. Medikinet, Equasym) des kurzwirksamen Methylphenidat. Zusätzlich gibt es die nur über die internationale Apotheke erhältlichen Retardpräparate Ritalin SR und Ritalin LA. Neuere Darreichungsformen kombinieren eine akute Wirkstofffreisetzung mit einer verzögerten Abgabe über 8-10 h, z.B. Concerta und Medikinet Retard.

Auch bei Erwachsenen stellt die Behandlung mit Methylphenidat nach den geltenen Leitlinien in Deutschland die medikamentöse Behandlung der ersten Wahl dar. Allerdings ist derzeit kein derartiges Präparat in Deutschland für die Behandlung bei Erwachsenen zugelassenen, kann jedoch vom Arzt im Rahmen eines Heilbehandlungsversuches verordnet werden (sog. Off-Label Use|"off-label"-Verordnung). Allerdings ist bei einigen n derzeit die Kostenübernahme nicht geklärt. In der wird Ritalin von der Krankenkasse auch für Erwachsene bezahlt, Dexamin jedoch weder für Erwachsene noch für Kinder.

Strattera (Wirkstoff Atomoxetin) ist ein seit März 2005 in Deutschland erhältliches Antidepressivum (sog. Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer), der sich in internationalen Studien ebenfalls als wirksam in der Behandlung von ADHS erwiesen hat. Der Wirkeintritt kann jedoch im Gegensatz zu Stimulanzien erst nach einigen Wochen beurteilt werden, da das Medikament schrittweise auf die Wirkdosis (in der Regel 1,2 mg/kg Körpergewicht) eingestellt werden muss.

Psychotherapie

Psychotherapeutische Behandlungsmethoden gelten als ein wesentliches Therapieangebot im Rahmen der multimodalen Therapie. Zielsetzung ist dabei, einen möglichst angemessenen Umgang mit den ADHS-Besonderheiten und Problemen zu erwerben. Im Kindesalter orientieren sich Verhaltenstherapie|verhaltenstherapeutische Therapieprogramme daran, in einem Elterntraining Informationen zu ADHS und geeignete Hilfen zum Aufbau erwünschten Verhaltens zu vermitteln (z.B. Verstärkersysteme mit einem Token-System oder Response-Cost, feste Strukturen und Regeln, Hilfen im Umgang mit Problemverhalten). Weitere Zielbereiche können die Verbesserung der Selbststeuerung (z.B. durch Coaching, Selbstinstruktionstraining oder Selbstmanagement-Methoden) und Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen sein.

Im Erwachsenenalter fehlen bisher Untersuchungen, die einen Wirkungsnachweis der Psychotherapie bei ADHS zeigen. Derzeit laufen jedoch Forschungen, die unter anderem ein spezielles Fertigkeitentraining bei ADHS-Erwachsenen untersuchen. Es ist zu erwarten, dass auch bei Erwachsenen verhaltenstherapeutische Therapieangebote effektiv sind. Allerdings weisen betroffene Erwachsene häufig Begleitstörungen (z.B. Ängste, Depressionen, Essstörungen, Suchtprobleme, Persönlichkeitsstörungen) auf. Liegen erhebliche Selbstwertprobleme und negative Selbstüberzeugungen vor, können auch psychoanalytische Behandlungsangebote zur Stärkung der Ich-Strukturen hilfreich sein. Da häufig das gesamte Familiensystem betroffen ist, haben auch systemische Behandlungskonzepte einen Stellenwert in der . Die Berücksichtigung der selbst betroffenen Elternteile hinsichtlich der Bindungsstrukturen und Interaktionsverhalten in der Familie gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Alternative Behandlungsmethoden

Seit den 1990er|90ern gibt es den Neurolinguistische Programmierung|NLP-Ansatz ( D. Blackerby). Die Grundannahme für die Anwendung von NLP-Wissen besteht darin, dass die Symptome durch die "innere Wahrnehmung" des Einzelnen verursacht werden. Mit NLP-Wissen soll die Struktur der inneren Wahrnehmung erforscht und auch gezielt beeinflusst werden. NLP heilt auch nicht sondern hilft nur mit der Besonderheit besser klar zu kommen, sie zu verstehen und Fehlreaktionen zu vermeiden.

Andere Ansätze befassen sich mit der Ernährung (z.B. Nachtkerzenöl, Algen, Verzicht auf Zucker und künstliche Nahrungszusätze). Jedoch sind diese meist eher wirkungslos und hinsichtlich Algen nicht unumstritten, da die gesundheitliche Bedenkenlosigkeit nicht gewährleistet werden kann.

Diskussion

ADHS als Gabe

ADHS wird offiziell als ernstzunehmende Störung eingestuft, doch sind sowohl einige Experten wie auch Betroffene anderer Ansicht und betrachten ADHS als Gabe. Thom Hartmann hat in seinem Buch Eine andere Art die Welt zu sehen die Theorie aufgestellt, dass Betroffene aus genetischer Sicht "nur" die Nachfahren der lichen Jäger und Sammler (Hartmann nennt sie daher "Hunter") seien. Ihm zufolge baut die moderne Gesellschaft jedoch auf "Farmer"-Systemen auf, was die "Hunter" dazu zwingt, sich erst in diesen zurechtzufinden und sich diese Grundlagen anzueignen.

In seinem 2000 erschienenen Buch ADD: Veränderungen selbst bewirken plädiert Hartmann dafür, ADHS als eine Eigenschaft zu sehen, die durchaus verändert bzw. behoben werden kann.

Die Vertreter dieser Ansicht finden Hinweise auf ein Vorliegen von ADHS in der Lebensgeschichte vieler berühmter Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Als Beispiele seien an dieser Stelle Ludwig van Beethoven, Winston Churchill|Winston Spencer Churchill, Walt Disney, Thomas Edison, Albert Einstein, Benjamin Franklin, John F. Kennedy, Theodore Roosevelt, Jules Verne und die Gebrüder Wright genannt.

Auch in der Kinder- und Jugendliteratur werden immer wieder Kinder beschrieben, bei denen sich Hinweise auf ein Vorliegen von ADHS finden, neben den oben bereits erwähnten Zappelphillipp und Hans-guck-in-die-Luft sind dies exemplarisch Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Tom Sawyer und Bart Simpson.

ADHS ist nicht spezifizierbar

KritikerInnen gehen davon aus, dass es sich bei AD(H)S nicht um ein abgrenzbares und spezifisches handelt, sondern um eine unspezifische Sammlung von en, wie sie ihrer Meinung nach auch bei anderen systemischen Erkrankungen, zum Beispiel aus dem rheumatodien Formenkreis, zu finden seien. Sie nehmen an, dass die Probleme von ADHS-Betroffenen einen anderen Hintergrund haben und die Unterordnung unter eine gemeinsame Diagnose somit sehr willkürlich sei.

Besonderheiten, bei denen Hyperaktivität häufig ein Merkmal ist, sind das Angelman-Syndrom und Autismus.

Literatur

Fachliteratur

  • Manfred Döpfner: Hyperaktivität und Impulsivität. In: D.H. Rost (Hrsg.): Handwörterbuch der pädagogischen Psychologie. Weinheim: Beltz, 2001. (260-265)
  • Manfred Döpfner: Hyperkinetische Störungen. In: F. Petermann (Hrsg.). Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie. Göttingen: Hogrefe, 2002. (152-179)
  • Johanne Krause und Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. Stuttgart 2004 (2.Auflage). ISBN 3794523717
  • Kathleen G. Nadeau: A Comprehensive Guide to Attention Deficit Disorder in Adults. Research, Diagnosis and Treatment, 1995, ISBN 0876307608
  • Paul Wender: Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. ISBN 317017097X

Für Eltern und Betroffene

  • Dieter Claus, Elisabeth Aust-Claus, Petra-Marina Hammer: "ADS Das Erwachsenen-Buch. Hilfe zur Selbsthilfe. 2002, ISBN 3934333060
  • Manfred Döpfner, Stephanie Schürmann und Gerd Lehmkuhl: Wackelpeter und Trotzkopf. Hilfen für Eltern bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten. Weinheim: Beltz, 2000.
  • Jeffrey Freed und Laurie Parsons: Zappelphilipp und Störenfrieda lernen anders, 3. Auflage 2002, ISBN 3-407-22834-1
  • Edward M. Hallowell und John J. Ratey: Zwanghaft zerstreut. Die Unfähigkeit aufmerksam zu sein. 1999, ISBN 3499607735
  • Thom Hartmann: ADHS als Chance begreifen Schmidt-Römhild 2004 ISBN 3795007925
  • Fritz Jansen, Uta Streit: Eltern als Therapeuten Springer, Berlin 2005, ISBN 3540555935
  • Doris Ryffel-Rawak: ADHS bei Frauen, 2004, ISBN 3456841213
  • Lynn Weiss: Eins nach dem anderen... Das ADD-Praxisbuch für Erwachsene ISBN 387067833X

Kritisch

  • Gerald Hüther und Helmut Bonney: Neues vom Zappelphilipp. Düsseldorf, 2002. ISBN 3530401315
  • Nicola Raschendorfer: ADS: Und wenn es das gar nicht gibt? Verlag an der Ruhr, 2003. ISBN 3860728210

Weblinks


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